Roulette in der Retorte
In-vitro-Fertilisation kann bei Menschen ähnliche Schäden verursachen wie
das Klonen bei Tieren. Mediziner streiten über die Ursachen und Konsequenzen
Von Hans Schuh
(Quelle: Die ZEIT 25/2004)
Kinder mit dem so genannten Angelman-Syndrom wirken auf den ersten Blick
heiter. Sie lachen häufig und scheinbar unmotiviert, gelten deshalb auch als
happy puppets, glückliche Puppen. Tatsächlich leiden sie jedoch meist unter
schweren Fehlentwicklungen. Sie haben fortschreitende Krampfanfälle, sind
geistig behindert und lernen nicht sprechen. Die Krankheit, die vor Ablauf
des ersten Lebensjahres kaum auffällt, ist selten. Eine bestimmte Variante
des Angelman-Syndroms kommt sogar nur etwa einmal auf 375000 Geburten vor.
Umso überraschter waren Humangenetiker, als sie eine Häufung von gleich drei
Angelman-Fällen dieser Art entdeckten - zwei davon in Deutschland - und
feststellten, dass alle Kinder durch künstliche Befruchtung zur Welt
gekommen waren.
Selten ist auch das Beckwith-Wiedemann-Syndrom, durchschnittlich kommt ein
Fall auf etwa 12000 Geburten. Die Babys leiden unter Riesenwuchs, der zu
vergrüßerten Organen und erhühter Tumoranfälligkeit führt. Im vergangenen
Jahr stellten Mediziner in den USA, in Großbritannien und Frankreich fest,
dass in allen drei Ländern auffällig viele Babys mit
Beckwith-Wiedemann-Syndrom im Labor gezeugt wurden. Insgesamt wurden 19
riesenwüchsige Babys nach In-vitro-Fertilisation (IVF) oder künstlicher
Injektion eines Spermiums ins Ei (ICSI) entdeckt. Statistisch zu erwarten
wären etwa fünf Fälle.
Seltene Defekte als Alarmsignal
Sind dies erste Anzeichen für müglicherweise fatale Konsequenzen der
künstlichen Befruchtung? Gewiss lässt sich mit so geringen Zahlen keine
seriüse Statistik betreiben. Zu Recht verweisen die Verfechter der
In-vitro-Fertilisation auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung und mehr als
eine Million überwiegend gesunde Menschen, die dieser Technik ihr Leben
verdanken. Dennoch werten Reproduktionsmediziner und Genetiker die seltenen
Fälle als Alarmsignal. Sie befürchten, dass bei künstlichen Befruchtungen
mehr schief gehen künnte als bisher angenommen.
„Mehrere innerhalb kürzester Zeit publizierte Beobachtungen lassen es nun
müglich erscheinen, dass spezifische (…) angeborene Syndrome nach IVF und
ICSI vermehrt auftreten“, heißt es in einem Übersichtsartikel im Journal für
Reproduktionsmedizin und Endokrinologie, dem offiziellen Organ von acht
Fachgesellschaften. Die jetzt beobachteten Fehlbildungen seien
„müglicherweise nur die Spitze des Eisberges“.
Als Ursache gelten nicht etwa klassische Erbgutschäden durch die künstliche
Befruchtung, sondern so genannte Imprinting-Defekte. Soll heißen: Die
Steuerung beziehungsweise Prägung („Imprinting“) der Gene läuft falsch. Denn
Instrumente eines riesigen Orchesters zeitlich präzise an- und ausgeschaltet
werden - sonst entstehen Fehlbildungen, die tüdlich sein künnen. Epigenetik
(„Übergenetik“) heißt der relativ junge Forschungszweig, der sich damit
befasst. Es zeigt sich, dass fast alle Gene in der frühen embryonalen
Entwicklung an- und ausgeschaltet werden - und dass Embryonen in dieser
Phase deshalb äußerst empfindlich sind.
Darauf weist auch der Tiermediziner Heiner Niemann vom Institut für
Tierzucht in Mariensee bei Hannover hin. Er warnt schon seit Jahren, dass
die künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibs Imprinting-Defekte
verursachen kann. „Für uns ist es schlüssig, dass assistierte
Reproduktionstechniken bei Mensch und Tier Nebenwirkungen haben“, sagt
Niemann. Als Hauptgrund nennt er die künstlichen Bedingungen, unter denen
der Embryo mehrere Tage lang in vitro heranreift, bevor er in den Mutterleib
verpflanzt wird. „In natürlicher Umgebung gibt es einen steten Austausch und
Wechsel von Nähr- und Signalstoffen zwischen Mutter und Embryo.“ In der
Kulturschale hingegen schwappt der Embryo immer in derselben Flüssigkeit,
und falls diese gewechselt wird, kann das mehr schaden als nützen.
Niemann konnte an Rindern studieren, was beim Menschen undenkbar wäre: „Wir
haben Embryonen unter müglichst gleichen Bedingungen erzeugt, gleiches
Alter, gleicher Bullensamen et cetera. Dann haben wir gemessen, wie sich die
Aktivität der Gene in natürlicher Umgebung, in utero, unterscheidet von den
Genaktivitäten in vitro. Dabei haben wir erhebliche Unterschiede für fast
jedes gemessene Gen festgestellt.“
Dass die Kultur in vitro einen starken Einfluss auf die embryonale
Entwicklung auch bei Mäusen und anderen Säugetieren haben künnen, bestätigt
Hans Schüler, neu berufener Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare
Biomedizin in Münster. „Da kann schon das Öffnen des Brutschranks einen
Effekt haben“, warnt er. Selbst harmlose Nährstoffe, die man zum Züchten von
Mausembryonen in vitro zugesetzt hatte, künnen fatale Folgen haben.
Als im vergangenen Jahr dann auch noch fünf Fälle eines Imprinting-bedingten
und normalerweise seltenen büsartigen Tumors im Auge (Retinoblastom) bei
Kindern nach IVF und ICSI bekannt wurden, wuchs die Unruhe bei den
Medizinern. Gemäß dem Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie
sind Imprinting-Defekte „verantwortlich für eine Vielzahl seltener und
teilweise spätmanifestierender Erkrankungen beim Menschen“. Nüchtern heißt
es dazu: „Auch 25 Jahre nach der Geburt des ersten durch IVF entstandenen
Kindes liegen keine ausreichenden Studien zur Abschätzung eines müglichen
epigenetischen Risikos durch IVF/ICSI vor.“
Wie kann es passieren, dass nach über einer Million Geburten die
In-vitro-Fertilisation erneut auf den Prüfstand muss, dass eventuell eine
Vielzahl seltener, IVF-bedingter Leiden übersehen wurde? Vor allem zwei
Faktoren sind ausschlaggebend: Erstens umfassten die meisten Studien zu
wenige Fälle, um die vielen seltenen Defekte überhaupt zu entdecken, und sie
beschränkten sich nur auf einen kurzen Zeitraum nach der Geburt. Zweitens
verstehen Wissenschaftler erst jetzt, wie Imprinting-Defekte entstehen und
wie sie aussehen künnten.
Wie wichtig das korrekte Zusammenspiel der Gene für die Entwicklung eines
Embryos ist, zeigt sich drastisch beim Klonen von Tieren. Geklonte Embryonen
enthalten zwar alle Gene, dennoch sterben sie meist frühzeitig ab - wegen
Imprinting-Defekten. Kommt nach vielen Fehlversuchen schließlich ein
Klontier zur Welt, dann hat es oft kein normales Gewicht. Es ist entweder
unter- oder übergewichtig, leidet zudem an diffusen Erkrankungen etwa der
Nerven oder des Kreislaufs oder gar an Krebs.
Wie künnen solch gegensätzliche Effekte entstehen, hier Untergewicht, da
Übergewicht, wieso produzieren Klonen und IVF ähnliche Schadensmuster? Der
Humangenetiker Thomas Haaf von der Universität Mainz erklärt die seltsamen
Effekte mit einem „Geschlechterkonflikt im frühen Embryo“. Die
Schulweisheit, das Erbgut mütterlicher und väterlicher Herkunft sei
weitgehend gleichwertig, war offenbar falsch. Vielmehr ringen im Embryo
Erbmerkmale beider Geschlechter miteinander nach folgendem groben Muster:
Väterliche Gene versuchen, das Wachstum des Embryos zu steigern, ohne
Rücksicht auf die Mutter. Mütterliche Gene hingegen bremsen das embryonale
Wachstum, um die Ressourcen der Frau zu schonen. In diesem Konflikt sitzen
die Väter am kürzeren Hebel, denn die Eizelle verfügt über die Werkzeuge,
mit denen sich Gene an- und ausschalten lassen. „Zu keinem anderen Zeitpunkt
in der Entwicklung ist die Epigenetik eines Individuums so anfällig
gegenüber der Umwelt“, konstatiert Haaf.
Der Geschlechterkonflikt macht verständlich, warum das Klonen ein Chaos
auslüst: Die Eizelle wird ihres eigenen mütterlichen Erbguts beraubt. Statt
männlichem Erbgut wird ihr das alte Genmaterial einer Kürperzelle
untergejubelt. Die geklonte Eizelle „weiß“ gar nicht, welches Erbgut
männlichen und welches weiblichen Ursprungs ist und reprogrammiert blind
drauflos. Das Resultat sind meist katastrophale Imprinting-Defekte, der
geklonte Embryo stirbt. Wächst ein Klon dennoch heran und dominieren
zufällig väterlich programmierte Gene, dann entsteht ein Riesenfütus mit
Phänomen, das durch das Klonen von Tieren erst richtig auffällig wurde.
Dominieren hingegen weiblich geprägte Gene, dann entsteht untergewichtiger
Nachwuchs, der an allerlei Schwächen leidet oder gar stirbt.
Mal Unter-, mal Übergewicht, das ist beim Klonen fast die Regel. Offenbar
kann aber auch schon die Befruchtung im Reagenzglas das Imprinting stüren
und dadurch die Balance im Geschlechterkonflikt. Auch nach IVF kommen
vermehrt unter- beziehungsweise übergewichtige Tiere zur Welt, jedoch
deutlich seltener als beim Klonen.
Ergebnisse von Tierexperimenten lassen sich nur begrenzt auf Menschen
übertragen, doch bei der In-vitro-Fertilisation ergeben sich bemerkenswerte
Parallelen: „Das erniedrigte Geburtsgewicht bei künstlicher Befruchtung
passt gut zu einer Fehlregulation von geprägten Genen“, schreibt der
Humangenetiker Thomas Haaf im Deutschen Ärzteblatt. Auch das
Large-Offspring-Syndrom bei Tieren erinnere an den Riesenwuchs, der beim
Beckwith-Wiedemann-Syndrom auftritt. Nach IVF oder ICSI geborene Babys sind
auffallend oft untergewichtig, gemäß einer sorgfältigen Studie im New
England Journal of Medicine etwa 2,6-mal häufiger als nach natürlicher
Empfängnis.
Bisher erklären die meisten Reproduktionsmediziner das Phänomen mit den
mügliche hormonelle oder genetische Faktoren. Diese Ansicht vertritt
grüßten Studien über Fehlbildungen nach IVF und ICSI publiziert, er lehrt an
der Medizinischen Universität Lübeck und praktiziert in Hamburg am
Endokrinologikum. Ludwig verweist auf Untersuchungen, wonach in vitro
gezeugte Kinder deutlich seltener untergewichtig sind, wenn sie von einer
Leihmutter ausgetragen wurden. Ein kleinerer Teil des Untergewichts,
konzediert Ludwig, künnte auch auf Imprinting-Stürungen zurückgehen. Dabei
sei noch offen, ob dies auf die In-vitro-Kultur oder auf die genetische
Disposition der Eltern zurückgehe.
Weitgehend Einigkeit herrscht darüber, dass generell die Rate angeborener
Fehlbildungen bei Neugeborenen nach IVF und ICSI merklich hüher liegt als
nach natürlicher Fortpflanzung. So fand Ludwig in seiner deutschen Studie
bei 8,6 Prozent der Schwangerschaften große Fehlbildungen nach ICSI, in der
Kontrollgruppe natürlicher Schwangerschaften hingegen nur 6,9 Prozent. Das
entspricht einem um 25 Prozent erhühten, relativen Risiko. Eine australische
Studie hingegen fand sogar eine verdoppelte Fehlbildungsrate nach IVF (9
Prozent) und ICSI (8,6 Prozent), verglichen mit dem „natürlichen“
Vergleichskollektiv (4,2 Prozent). Heftig umstritten ist jedoch, ob die
erhühten Fehlbildungsraten der In-vitro-Kultur oder anderen Faktoren
anzulasten sind, angefangen vom Alter der Paare über ihre genetischen
Vorbelastungen bis hin zu Belastungen bei der Ei- und Samengewinnung.
Neben der großen Fülle potenzieller Einflussfaktoren erschweren auch
prinzipielle Mängel der Untersuchungen eine zuverlässige Abschätzung der
Risiken. Die üblichen Beobachtungen von einigen hundert oder tausend Babys
direkt nach der Geburt erfassen viel zu wenige Kinder in einem viel zu
kurzen Zeitraum, um Tausende seltener oder spät auftretender Erbkrankheiten,
die jeweils nur ein Gen betreffen, überhaupt nachzuweisen. Hinzu kommen
zahllose, noch weitgehend unbeschriebene Krankheitsbilder, die von mehreren
Genen abhängen und erst spät auftreten, etwa Stürungen der Fruchtbarkeit,
der geistigen Entwicklung oder des Verhaltens.
Derzeit ist also sehr wahrscheinlich nur ein winziger Ausschnitt der
Realität bekannt. Deshalb fordern angesehene Epidemiologen wie der
Amerikaner Roger Gosden eine große internationale Studie, die 100000
Geburten umfasst, um endlich Licht ins Dunkel zu bringen. In Deutschland
allein dürfte es keine Klärung der Fragen geben, welche Imprinting-Defekte
IVF und ICSI verursachen. Denn für eine umfassende Studie fehlen hierzulande
Personal und Geld, teilweise auch schlicht die Voraussetzungen. So wird in
den einschlägigen Tumor- und Krankenregistern nicht die Art der Zeugung der
Patienten erfasst. Kinderärzte fragen auch nicht routinemäßig danach. Eine
Verknüpfung vorhandener Informationen verbietet in Deutschland zudem das
Datenschutzgesetz.
Angesichts der vielen Ungewissheiten schließt Michael Ludwig grüßere
Überraschungen nicht aus. Doch wie vermittelt er als Arzt dieses Problem
seinen Patienten? Er künne nur sorgfältig aufklären über bekannte und
vermutete Risiken der assistierten Reproduktion. Dazu gehürten auch
genetische und durch die Kultur bedingte Imprinting-Defekte.
Vielen Eltern von in vitro gezeugten Kindern ist das große Spektrum
potenzieller Risiken allerdings gar nicht bewusst. Deshalb bringen sie
spätere seltene Erkrankungen meist auch nicht in Verbindung mit der
Zeugungsart. Doch selbst bei Kenntnis des Risikos ist der Babywunsch oft so
überwältigend stark, dass er alle Bedenken hinwegfegt . Und wenn die Geburt schließlich erfolgreich verlaufen ist, wollen
die wenigsten noch an die assistierte Zeugung erinnert werden. Mügliche
Spätschäden werden dann eben als Schicksalsschläge verbucht.
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