Der fast vergessene Contergan-Skandal
Warum Politiker die Einführung
schädlicher Pharmazeutika lancieren
Die wahren Hintergründe des Contergan-Skandals
http://www.plichta.de/deutsch/d_a_contergan_skandal.php
raum&zeit-Interview mit Dr. Peter Plichta, Düsseldorf.
Von Hans-Joachim Ehlers, Sauerlach.
© 1999 by EHLERS Verlag, Mühlweg 2 C, D-82054 Sauerlach
Wiedergabe aus Raum & Zeit (ISSN 0722-7949), Heft 98, März/April
1999,
S.61-64
Wer die Bücher von Dr. Plichta kennt, weiß um seine Hintergrundkenntnisse
über das Haus Henkel (Jahresumsatz 20 Milliarden, u.a. Persil, das
jährlich
weißer wäscht). Welche Rolle der Firmen-Senior Dr. Konrad Henkel
(84) in dem
bisher größten Pharma-Skandal Contergan spielte, wie er die
Figuren im
politischen Marionetten-Theater, besonders in NRW, bewegte und wie er
die
Justiz u.a. zum Prozeßbetrug veranlaßte, das alles beschreibt
Dr. Plichta
sehr detailliert in seinem Buch »Das Primzahlkreuz Band III«.
Sollte die
Justiz in Deutschland sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, daß
für
Chemie-Multis grundsätzlich andere Gesetze gelten als für den
Normalbürger,
dann müßte sie dieses Buch zum Anlaß nehmen, schleunigst
gegen das Haus
Henkel und andere Hintermänner zu ermitteln, die in diesem Buch einer
ganzen
Reihe von Offizial-Delikten bezichtigt werden. Das sind Delikte, bei deren
Bekanntwerden die Justizbehörden gesetzlich verpflichtet sind, von
sich aus
tätig zu werden. Was nämlich damals beim Contergan-Skandal wirklich
ablief,
erfährt die Öffentlichkeit erstmals in Plichtas Primzahlkreuz
Band III.
raum&zeit sprach mit dem Autor.
Hans-Joachim Ehlers: Dr. Plichta, Ihr jüngstes Buch »Das Primzahlkreuz
Band
III - die 4 Pole der Ewigkeit« kommt mir wie eine Zeitbombe vor,
was das
Haus Henkel anbetrifft. Sollte es noch mutige Staatsanwälte in Deutschland
geben, müßte es in Düsseldorf eigentlich bald krachen.
Denn was Sie speziell
zum Contergan-Skandal und die bis heute unbekannten Hintergründe
schreiben,
ist schier unglaublich. Dagegen ist eine Bananen-Republik ein mustergültiger
Rechtsstaat. Konrad Henkel, so schreiben Sie, der mit dem
Contergan-Hersteller Grünenthal gar nichts zu tun hatte, wollte damals
auf
Biegen und Brechen verhindern, daß ein privater Chemiekonzern (wie
ja auch
Henkel damals einer war) jemals zur Verantwortung für seine Produkte
gezogen
werden kann. Es durfte kein Präzedenzfall geschaffen werden. Was
ihm dann ja
auch aufgrund seines ungeheuren Macht-Einflusses gelungen ist. Dazu eine
ganz simple Frage: Woher wissen Sie das alles oder wie läßt
sich das
verifizieren?
Dr. Peter Plichta: Bedingt durch meine schon damaligen Kenntnisse auf
dem
Gebiet der Pharmakologie, der organischen Chemie und der Juristerei habe
ich
halt etwas beobachtet, was mich verblüfft hat. Ich habe auch durch
die
Einheirat meines Bruders in die Henkel-Familie, die hinter der Vertuschung
des Skandals steckt, dann natürlich interne Sachzusammenhänge
erfahren, die
ich eigentlich gar nicht wissen dürfte. Inzwischen habe ich soviel
Wissen
über die Hintergründe des Contergan-Skandals angesammelt, daß
ich eigentlich
nur darauf warte, daß mich das Haus Henkel wegen übler Nachrede
oder sonst
etwas verklagt, damit ich die Karten auf den Tisch legen kann. Meine Bücher
sind jurisitische Dokumente, deswegen besteht die Henkel-Anweisung, nichts
gegen mich zu unternehmen. Mir darf noch nicht einmal ein Unfall zustoßen.
Die wollen das einfach aussitzen. Man hat im Fall Contergan einen
entscheidenden Fehler gemacht. Der Fall war für immer im See versenkt,
und
niemand hat damit gerechnet, daß herauskommen würde, wie die
Sache wirklich
gelaufen ist. Alles hat damit begonnen, daß absurderweise nicht
die Inhaber
der Firma Grünenthal von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden
sind,
sondern Mitarbeiter. So ist die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ja
auch im
Fall Dr. K. F. Flick vorgegangen. Der hatte mit Millionenspenden an
Politiker nur so um sich geworfen, aber angeklagt wurden u.a. sein
Generalbevollmächtigter von Brauchitsch, ein viel zu kluger Industriemann
für solch einen Unsinn. Auch im Falle Contergan hat man dafür
gesorgt, daß
in Aachen von vornherein die Falschen vor Gericht standen. Dabei wären
die
Inhaber mit einem Haufen gut bezahlter Rechtsanwälte mit milden Strafen
für
fahrlässige Körperverletzung davon gekommen.
Hans-Joachim Ehlers: Warum hat man das nicht gemacht ?
Dr. Peter Plichta: Zunächst einmal hätte aufgrund eines solchen
Urteils eine
Versicherung für den Schaden haften müssen, und dahinter wieder
eine
Rückversicherung. Doch genauso wie die chemische Industrie hat natürlich
auch die Versicherungsbranche Interesse daran, nicht zahlen zu müssen.
Und
in meinem letzten Buch habe ich beschrieben, was Konrad Henkel dazu gebracht
hat, in den Fall einzugreifen. Er hatte mit dem Fall ja direkt nichts
zu
tun, stand aber an der Spitze der chemischen und pharmazeutischen
Privatindustrie und wollte deswegen nicht, daß es einen Präsidenzfall
gibt.
Dieser Mann ist von Natur aus eben machtgierig, der hat es von seinem
Vater
und von seinem Großvater geerbt und die haben gelehrt, Pannen durch
Intrigen
zu vertuschen. Im »Primzahlkreuz« Band I habe ich noch einigermaßen
vorsichtig beschrieben, was ich beobachtet habe, und dadurch gewissermaßen
auch eine Falle aufgebaut. Die Henkels haben sich zwar nach Lesen des
ersten
Bandes entsetzlich aufgeregt, aber mit Hilfe ihrer Düsseldorfer Beziehung
die Sache zur Einstellung gebracht. Jetzt, mit der detaillierten Schilderung
in Band III, ist die Falle zugeschnappt.
Hans-Joachim Ehlers: Das heißt also, belegen können Sie Ihre
im Buch
aufgestellten Behauptungen durch Wissen von Interna aus der Familie Henkel.
Dr. Peter Plichta: Meine Schwägerin, Dr. med. Christa Plichta, sitzt
im
Gesellschafterrat und vertritt einen Großteil der Familienaktien.
Weiterhin
kannte ich viele Beteiligte persönlich, so auch den Verteidiger der
Firma
Grünenthal, Dr. Dr. Neuberger, den späteren Justizminister von
NRW, viele
Jahre. Ich war durch mein nicht gerade einfaches Leben außerdem
gezwungen,
mich soweit nur irgend möglich, juristisch auszubilden. Als ich erfuhr,
daß
nicht gegen die geschäftsführenden Gesellschafter von Grünenthal
Anklage
erhoben werden sollte, sondern gegen Angestellte der Firma, war mir klar,
daß hier Justiz, Politik und Wirtschaft miteinander mauschelten.
Hans-Joachim Ehlers: Damit die Sache klarer wird, sollte man vielleicht
kurz
einmal die wichtigsten Jahreszahlen in diesem Skandal rekapitulieren (siehe
auch Kasten »Die Contergan-Story«, Anm. der Redaktion): Der
Wirkstoff
Thalidomid wird 1957 von Grünenthal-Forschern entdeckt. Schon wenig
später
erfolgt die Zulassung eines Medikaments namens Contergan mit dem Wirkstoff
Thalidomid. Dieses Präparat wird fast zur Wunderdroge. 20 Millionen
Pillen
wurden pro Monat verkauft. Nachdem sich herausstellte, daß die »Wunderdroge«
mit scheußlichen Nebenwirkungen verbunden war, wurde der Vertrieb
am 27.
November 1961 eingestellt und Ende Dezember 1961 wurde eine Ermittlungsakte
angelegt. Das Hauptverfahren wurde jedoch erst am 18. Januar 1968, also
sieben Jahre später, vor dem Landgericht Aachen eröffnet. Ich
vermute mal,
daß die »heiße Phase« für die Kulissenschieber
in diesem Skandal zwischen
1961 und 1968 lag.
Ein gewisser Walter Scheel
Dr. Peter Plichta: Ganz genau. Man hatte sich nämlich intern für
die
Variante Prozeßverschleppung entschieden. Dazu muß man ganz
kurz die
politische Landschaft in Nordrhein-Westfalen, deren Parteien im Landtag
und
die Regierung der damaligen Zeit betrachten, und man muß dazu wissen,
daß in
NRW ohne Henkel nichts geht. Auch heute nicht, wie Rüdiger Liedtke
in seinem
Buch: »Wem gehört die Welt« treffend formuliert hat.
Zentrale Figur war ein
gewisser Walter Scheel, seit 1953 im Bundestag. Er wurde 1956 Finanzminster
von NRW. In Scheels Düsseldorfer Wohnung wurde 1956 eine Konspiration
geplant, die noch im gleichen Jahr dazu führte, daß der amtierende
Ministerpräsident Karl Arnold (CDU) durch ein Mißtrauensvotum
gestürzt und
der SPD-Mann Fritz Steinhoff zum neuen Minsterpräsidenten gewählt
wurde. Der
Aufstieg des späteren Bundespräsidenten Walter Scheel wurde
durch Konrad
Henkel lanciert. Diese Vorgeschichte muß man kennen, um die weiteren
Abläufe
besser zu verstehen.
Hans-Joachim Ehlers: Aber was hat das mit dem Contergan-Skandal zu tun?
Dr. Peter Plichta: Sehr viel, wie Sie gleich sehen werden. Denn, wie
schon
erwähnt, der Strafverteidiger des Hauses Grünenthal hieß
Josef Neuberger aus
der Anwaltskanzlei Dr. Dr. Neuberger und Dr. Pieck. Bereits 1963 stand
für
politische Insider fest, daß Neuberger Justizminister in NRW werden
sollte.
Er war der Favorit der Landtags-SPD und -FDP. Seit 1961/62 versuchte die
renommierte Anwaltskanzlei, ihren Mandanten Grünenthal juristisch
herauszupauken. Marschroute: Verschleppung. Es gelang auch, den Prozeßbeginn
Jahr für Jahr hinauszuzögern. Die Figur Neuberger als Justizminister
war in
diesem Spiel schon gesetzt, da gewannen im Sommer 1966 jedoch erneut CDU
und
FDP die Mehrheit im NRW-Landtag. Aber Neuberger war ja SPD- Mitglied.
Doch
schon am 8. 12. 1966 wurde der damalige vom Volk gewählte Ministerpräsident
Franz Meyers durch ein konstruktives Mißtrauensvotum gestürzt.
Drahtzieher
hinter den Kulissen war, wie 1956, Walter Scheel, der Intimus von Dr.
Konrad
Henkel. Jetzt konnte Neuberger Justizminister werden.
Hans-Joachim Ehlers: Das ist ja unglaublich!
»Von heute auf morgen Justizminister«
Dr. Peter Plichta: Das auch, vor allem aber war es verheerend für
das
Strafverfahren! Wo hat es das schon jemals gegeben, daß der Strafverteidiger
in einem laufenden Verfahren plötzlich Justizminister und damit praktisch
Herr über das Verfahren wird? Vielleicht hat es damals keinen Aufschrei
gegeben, weil Dr. Dr. Neuberger als ehemalig verfolgter Jude tabu für
jegliche Form von öffentlichen Angriffen war. Um es ganz deutlich
auszudrücken: Neuburger war Jude, und das haben die Henkels gemein
ausgenutzt. maligen Staatsanwalt Dr. Haverts wie folgt:
»Was soll ich Ihnen sagen, was ich damals erlebt habe. Die Gegenseite
hatte
40 Rechtsanwälte aufgeboten, die jeden Tag von neuem Beweisanträge
stellten.
Ich war der einzige Staatsanwalt und bin in den Akten fast erstickt. Und
eines Tages war der Anführer von denen, der Neuberger, plötzlich
von heute
auf morgen Justizminister und damit mein Dienstherr. Danach wurde das
alles
noch schlimmer...«
Hier wurde also ein Strafprozess massivst politisch beeinflußt.
Dr. Peter Plichta: Ja, in geradezu unerträglicher Weise. Aber es
geht noch
weiter: Man hätte zwar jetzt in der neuen Konstellation mit Neuberger
als
Justizminister den Prozeß solange verschleppen können, bis
er nach 10 Jahren
endgültig verjährt war, fünf Jahre hatte man ja schon geschafft,
aber dazu
hatte der Contergan-Skandal die Menschen zu stark aufgewühlt. So
dreist
konnte man nicht agieren. Das war den Politikern in Düsseldorf und
Bonn
klar. Auch ein Deal mit der Justiz, großzügige Entschädigung
der Opfer gegen
Verfahrenseinstellung schied aus, weil das nach deutschem Recht eine
Rechtsbeugung bedeutet hätte. Man mußte noch eine Etage höher,
auf die
Bundesebene.
Hans-Joachim Ehlers: Wie das ?
Dr. Peter Plichta: Bei einem Gerichtsvergleich gibt es keine Täter,
und dann
haftet auch keine Versicherung. Man brauchte also in Bonn ein neues
Bundesgesetz, wonach Opfer aus Bundesmitteln zu entschädigen wären,
also aus
den Taschen der Steuerzahler.
Hans-Joachim Ehlers: Und wie sollte das gehen?
Dr. Peter Plichta: Ganz einfach. Konrad Henkel wußte, daß
die SPD-Politiker
1966 vor lauter Sehnsucht nach politischer Führung alles machen würden,
um
an die Macht zu kommen. Ergo traten am 27. 10. 1966 die vier
FDP-Bundesminister Mende, Bucher, Dahlgrün und Scheel geschlossen
von ihren
Posten zurück. Die CDU/FDP Koalition in Bonn platzte und die große
Koalition
CDU/SPD begann. Anführer dieses Kabinettstücks war auch diesmal
Walter
Scheel, der damit seinen Posten und sein Gehalt verlor. Er wurde natürlich
im Gegenzug bis zum Beginn der SPD/ FDP-Regierung 1968, in der er
Außenminister wurde, finanziell großzügig vom Hause Henkel
unterstützt. 1971
wurde per Gesetz von der SPD/FDP-Regierung die »Stiftung Hilfswerk
für das
behinderte Kind« geschaffen und die Contergan-Geschädigten
wurden von dieser
Stiftung und nicht von der Firma Grünenthal entschädigt. Dazu
sagt der
Staatsanwalt Dr. Havert in einer Fernsehdokumentation auf die Frage, wie
es
denn möglich war, daß dieser Prozeß zehn Jahre lang verschleppt
werden
konnte, sinngemäß:
»Erst im letzten Jahr haben die mir zwei junge Staatsanwälte
zur Verfügung
gestellt; und die haben mich hinter meinem Rücken betrogen. Die haben
nämlich den Nebenklägern eingeheizt, daß es nach Ablauf
der zehnjährigen
Frist nichts mehr von Grünenthal zu holen gibt. Dadurch, daß
die Nebenkläger
zu einem Vergleich gedrängt worden sind, haben sie auf alle ihre
Rechte
verzichtet. Ohne Urteil gibt es keine Rechtsmittel. Ich habe sie gewarnt,
aber niemand hat auf mich gehört. Für die beiden jungen Staatsanwälte
jedenfalls hat sich die Sache gelohnt, der eine ist jetzt ganz oben beim
BGH
und der andere Leitender Oberstaatsanwalt von Düsseldorf«.
Das Verfahren gegen Grünenthal wurde kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist
mit der Zustimmung aller Prozeßbeteiligten »wegen Geringfügigkeit«
eingestellt. Konrad Henkel hatte es geschafft: Es gab keine Schuldigen
und
damit keinen Präzedenzfall gegen einen Chemie- bzw. Pharma-Konzern.
Hans-Joachim Ehlers: Und was wurde aus den Opfern ?
Der juristische Bluff
Dr. Peter Plichta: Mit einem juristischen Bluff, dem gemeinsten in der
deutschen Politik, wurde die bereits erwähnte Stiftung per Bundesgesetz
geschaffen. Grünenthal hatte in zehn Jahren die Möglichkeit,
100 Millionen
DM steuerfreie Rücklagen aufzubauen, die Bundesregierung gab noch
150
Millionen dazu und demonstrierte damit ihr Mitleid mit den Opfern. Diese
Stiftung war allein zuständig für die Entschädigung, nicht
die Firma
Grünenthal. Da es kein Urteil gegeben hatte, gab es auch keine Rechtsmittel.
Die enttäuschten Eltern lösten später zwar noch wahre Prozeßlawinen
aus,
aber außer waggonweise Gerichtsakten, ungeheuren Kosten und Leid
blieb
nichts übrig. Eine Entschädigung gab es nicht. Es gab nur eine
Rente von
maximal 850 DM monatlich.
Hans-Joachim Ehlers: Und damit hat die Chemie- und Pharma-Industrie dem
Volk
mal wieder demonstriert, wer in dieser Republik wirklich das Sagen hat,
oder?
Dr. Peter Plichta: Das kann man so sehen. In diesem Fall besteht allerdings
noch eine Chance auf Gerechtigkeit. Wenn nämlich auf den Verlauf
eines
Prozesses mit betrügerischen Mitteln Einfluß genommen wird,
dann wird der
Prozeß ungültig, wenn der Betrug erwiesen ist. Alle, die an
diesem
Prozeßbetrug beteiligt waren, haben sich strafbar gemacht. Prozeßbetrug
verjährt nicht. Es war natürlich klar, daß die Millionen
Rückstellung der
Firma Grünenthal ja noch kein Grund waren, das Verfahren einzustellen.
Man
darf einen Strafprozeß nicht dadurch einstellen, daß der Verteidiger
und der
Staatsanwalt sich verbrüdern und sagen, wir sind eigentlich gegen
eine
Verurteilung - es sind ja Menschen getötet worden, das heißt,
Richter
dürften das Verfahren gar nicht einstellen. Um so ein Verfahren einstellen
zu können, muß der Fall als minderschwer oder gar läppisch
eingestuft
werden, und das ist in der Tat ja verblüffenderweise auch geschehen.
Hans-Joachim Ehlers: Erläutern Sie bitte nach diesen unglaublichen
juristischen Vorgängen auch einmal den chemischen Sachverhalt. Warum
hat
Thalidomid diese furchtbaren Nebenwirkungen und warum hat man die nicht
rechtzeitig bemerkt?
Dr. Peter Plichta: Thalidomid ist eine räumliche chemische Verbindung,
die
in 2 stereochemischen Formen auftritt. Das bedeutet, die beiden Formen
verhalten sich in ihrem räumlichen Bau zueinander wie unsere beiden
Hände,
bei denen ja bekanntlich bei der linken Hand der Daumen rechts steht,
und
bei der rechten Hand der Daumen nach links zeigt. Bei der chemischen
Synthese von Contergan entsteht nun sowohl rechts- als auch linksbebautes
Thalidomid. Ein Gemisch dieser beiden gespiegelten Formen nennt man Racemat.
Pharmazeutisch gesehen war Contergan ein Derivat des bewährten Schlafmittels
Doriden und hatte den großen Vorteil, daß man sich damit durch
Überdosierung
nicht umbringen konnte. Als leicht veränderter Abkömmling von
Doriden war es
zudem patentrechtlich geschützt, so daß man den Preis diktieren
konnte. Da
bereits Doriden als Racemat im Handel war, obwohl nur eine der beiden
Komponenten biochemisch war, haben die Chemiker von Grünenthal den
Metabolismus, also die Aufnahme und den Abbau von Thalidomid im Körper,
gewissenhaft untersucht. Auch hier wirkte eben nur eine der Spiegelformen
als Schlafmittel, die zweite Form schien keine Wirkung zu haben. Die in
den
40er und 50er Jahren ausgebildeten Pharmazeuten und Ärzte haben von
Stereochemie aus heutiger Sicht kaum Ahnung gehabt. Doriden wiederum ist
ein
Abkömmling der berühmt-berüchtigten chemischen Gruppe der
Barbiturate. Bei
diesen Schlafmitteln spielt die Stereochemie eine enorme Rolle, so daß
es
dort oft notwendig ist, eine der beiden molekularen Spiegelformen zu
entfernen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Die wissenschaftlichen
Leiter bei Grünenthal waren also vorgewarnt. Es gab natürlich
die
Möglichkeit, die psychotrope d.h. einschläfernde Form von Thalidomid
in
Reinform auf den Markt zu bringen. Das aber hätte zusätzliches
Geld
gekostet, und das ist nun mal etwas, worauf ein Chemiekonzern gerne
verzichtet.
Das stereochemische Zwillingsmolekül Thalidomid, bei dem eins einschläfernd
wirkt und das andere als Zellgift bei Föten. Die Moleküle hätten
getrennt
werden können.
Hans-Joachim Ehlers: Sie wollen also darauf hinaus, daß bei diesem
Wirkstoff
die eine Spiegelform einschläfernd wirkt und nur die andere Form
giftig ist
und die übersehenen, schrecklichen Auswirkungen hat?
Dr. Peter Plichta: Genau. Es handelt sich also eigentlich nicht, wie
in der
Presse auch heute noch behauptet wird, um eine Nebenwirkung. Die für
unwichtig gehaltene Spiegelform des Contergans, die zu 50 % in jeder
Tablette enthalten war, besitzt auch eine Hauptwirkung, und zwar auf die
Zellteilung des Lebens. Heute weiß man, daß es ein Zellteilungsgift
ist, und
deswegen wird dieses Zellteilungsgift sogar in der Pharmazeutischen
Industrie wieder eingesetzt, nämlich bei Lepra.
Hans-Joachim Ehlers: Ja, das habe ich gelesen.
Dr. Peter Plichta: Also, kein Mensch hat auch nur geahnt, daß ein
Stoff eine
solche heimtückische Wirkung haben könnte.
Hans-Joachim Ehlers: Man war ahnungslos?
Mit 20.000 DM hätte die Katastrophe verhindert werden können
Dr. Peter Plichta: Man war oberflächlich, man ging den Dingen nicht
auf den
Grund, man war im höchsten Maße unvorsichtig, weil man die
Komponente
natürlich hätte testen können. Wenn man sorgfältig
vorgegangen wäre, hätte
man zumindest eine Menschenäffin einen Fötus austragen lassen.
Und die hätte
dann während der ganzen Zeit mit den Mittel gefüttert werden
müssen. Ein
solcher Versuch hätte laut »Spiegel« 20.000 DM gekostet.
Aber da der Chef
der Firma diesen Versuch persönlich gestrichen hat, handelt es sich
natürlich mindestens um grobe Fahrlässigkeit, wenn nicht gar
um Vorsatz. Es
besteht nämlich sogar der Verdacht, daß man Angst davor hatte,
daß die Sache
mit dem Fötus der Menschenäffin schiefläuft, weil ein einziges
mißgebildetes
Affenkind die ersehnte Geldquelle zum Versiegen gebracht hätte.
Hans-Joachim Ehlers: Heißt das, weil die Firma Grünenthal
20.000 DM sparen
wollte, mußten zigtausend Menschen schlimmstes Leid erfahren, mußten
unschuldige Menschen sterben?
Dr. Peter Plichta: In letzter Konsequenz ist es so.
Hans-Joachim Ehlers: Da spart man also im vergleich zu den Milliarden
Umsätzten der Pharma-Industrie lumpige 20.000 DM und macht stattdessen
Menschenversuche. Auf der anderen Seite behauptet die Pharma-Lobby in
der
Öffentlichkeit frech, um ein neues Medikament zu entwickeln, müßten
Millionen DM für Forschung investiert werden. Da werden wir doch
alle für
dumm verkauft.
Dr. Peter Plichta: Das ist leider richtig.
Hans-Joachim Ehlers: Dagegen wird das Bundesinstitut für Arzneimittel
und
Medizinprodukte, dieser BGA-Nachfolger, nur dann sehr kritisch tätig,
wenn
es um pflanzliche Mittel wie Huflattich geht. Weil eine drogensüchtige
Frau,
die im Sterben lag, Huflattich Tee getrunken hatte, bevor sie starb, wurde
Huflattich aus dem Verkehr gezogen. Wenn schwerste Erkrankungen und
Todesfälle nachweislich nach der Einnahme von chemotherapeutischen
Mitteln
auftreten, zögert die gleiche Behörde in der Regel bis kurz
vor dem
Eingreifen der Staatsanwaltschaft. Der Staat könnte viel Steuern
sparen,
wenn er diese Zulassungsstelle privatisierte und gleich ganz der Chemischen
Industrie überließe. Damit wäre auch die ständige
Irreführung der
Öffentlichkeit beendet, die darin besteht, daß sich diese Stelle
als
»unabhängig« und »wissenschaftlich« bezeichnet.
Aber zurück zu Thalidomid.
Jetzt wird neuerdings behauptet, daß Contergan wieder in den Handel
kommen
soll oder zum Teil auch schon ist, und daß man diese schädigende
Komponente
abgetrennt hat.
Contergan wird wieder verkauft: an Drittländer
Dr. Peter Plichta: Heute, nachdem man die Spiegelformen getrennt hat,
ist
man kaum noch daran interessiert, das psychotrope Mittel, also das
Schlafmittel, in den Handel zu bringen, sondern natürlich eher die
Substanz,
die auf die Zellteilung einwirkt, weil nämlich Leprabakterien sich
leicht
einer behandelnden Chemotherapie entziehen und dieses Mittel recht gut
wirkt.
Hans-Joachim Ehlers: Als Zellgift.
Dr. Peter Plichta: Als Zellgift ja. Aber jetzt bahnt sich eine neue
Katastrophe an. Das sozusagen rein giftige Contergan wird inzwischen in
verschiedenen Ländern bei Leprakranken eingesetzt. Leprakranken Frauen
wird
das Mittel natürlich auch verschrieben. Sie können aber die
Beipackzettel
nicht lesen, werden schwanger und nehmen das Mittel trotzdem weiter. So
gibt
es jetzt zum Beispiel in Brasilien schon wieder eine Unzahl von Kindern
mit
fürchterlichen Mißbildungen. Die Medien begreifen natürlich
alle diese
Zusammenhänge nicht, und so pflanzt sich der Wirrwarr um Contergan
fort.
Hans-Joachim Ehlers: Skrupelloser geht es eigentlich kaum noch. An diesem
Beispiel wird der ganze Zynismus der heutigen Medizin deutlich, soweit
sie
von der Chemischen Industrie abhängig ist: Ein diffus wirkendes Gift,
das
wahllos menschliche Zellen vernichtet, wird mit hohem Profit auf dem Markt
verkauft, egal wie fürchterlich die Nebenwirkungen sind. Das ganze
nennt
sich dann Wissenschaft. Dagegen ist die Drogenmafia noch eine wirklich
ehrenwerte Gesellschaft, denn sie behauptet wenigstens nicht,
wissenschaftlich zu arbeiten.
Dr. Peter Plichta: Sie haben recht, der Contergan-Skandal zeigt auch,
mit
welcher Brutalität die darin involvierten Personen handeln und wie
hier im
nachhinein die Drähte gespannt und gezogen wurden, um sich aus der
Verantwortung zu schleichen. Ich habe in »Das Primzahlkreuz«
Band I den
Contergan-Fall noch als reinen Fall der Machtgier eines chemischen
Industriellen dargestellt. Da Konrad Henkel, was aktenkundig beim
Düsseldorfer Gericht vorliegt, schon einmal versucht hat, mich für
immer zu
beseitigen, mußte ich vorsichtig vorgehen. Man hat natürlich
nicht damit
gerechnet, daß ich jetzt im dritten Band erst richtig auspacke und
die Sache
so erzähle, wie sie wirklich stattgefunden hat. Was die jetzt machen,
weiß
ich nicht. Unsere Staatsanwaltschaft in Düsseldorf jedenfalls, die
müßte von
Grund auf und systematisch erneuert werden.
Hans-Joachim Ehlers: Ist die NRW-Struktur immer noch die gleiche?
Dr. Peter Plichta: Ich hatte ja schon erwähnt, daß der ehemalige
»Hilfsanwalt« Knipfer zur Belohnung für das Hintergehen
seines Chefs Dr.
Haverts in Düsseldorf Leitender Oberstaatsanwalt geworden ist. Die
großen
Strafverfolgungsbehörden in NRW sind von Henkel bestens geschmiert.
Schon in
der Parteispendenaffäre hat 1981 die Bonner Staatsanwaltschaft Konrad
Henkel
nicht angeklagt, obwohl andere Industrielle vor Gericht gezerrt worden
sind
für wahrlich geringere Sümmlein. Dr. Henkel bekam lediglich
einen
Strafbefehl über 3,5 Mio. DM - den höchsten jemals in Deutschland
ausgestellten Strafbefehl - und wäre damit vorbestraft gewesen. Jetzt
hatte
er jedoch die Chance, mit Hilfe seines Einflusses am Amtsgericht,
Landgericht und Oberlandesgericht Düsseldorf die 10jährige
Verjährungsvariante - wie im Contergan-Fall - zu spielen. Einzelne
Richter
und Staatsanwälte in Düsseldorf mögen unbestechlich sein
und in hohem Maße
für ihren Beruf befähigt, aber das System ist so korrupt, daß
man es als
kriminelle Vereinigung bezeichnen muß, wenn man Mut hat.
Hans-Joachim Ehlers: Das ist richtig. Das sehe ich auch so. Die Frage
ist
nur, wer geht dagegen vor?
Nur die Presse könnte helfen
Dr. Peter Plichta: Dazu wäre an sich die Presse da, doch die Abhängigkeit
der Massenmedien, besonders von der Chemischen Industrie, läßt
da wenig
hoffen. Deshalb glauben auch die eigentlichen Machthaber in Düsseldorf,
sie
können das alles aussitzen...
Hans-Joachim Ehlers: Ja. Das wäre die einzige Möglichkeit,
die
Öffentlichkeit. Doch die Presse müßte nicht nur in Düsseldorf,
sondern auch
in Brüssel hineinleuchten. Denn auch dort haben sich längst
die Henkels und
Co. in Lobby-Gruppen manifestiert, die inzwischen die EU-Politik bestimmen.
Sie machen dort die Gesetzentwürfe, die sie dann der Kommission übergeben,
die sie dann fast wörtlich in die EU-Vorlagen übernimmt. Und
wenn Sie dann
die Europol dazu sehen, was an Bio-Ethik im Moment über den Europarat
noch
angeschoben wird, wenn man das alles zusammen sieht, dann wird's einem
dabei
angst und bange vor diesem Europa. Das ist das Europa der Konzerne.
Dr. Peter Plichta: Ja, und das ist auch meine Überzeugung, daß
man ein
Europa letztenendes überhaupt nicht auf Konzernstrategie oder gar
auf einer
einheitlichen Währung und einem unüberschaubaren Heer von Euro-Beamten
bzw.
Parlamentariern aufbauen kann, sondern nur auf einer gemeinsamen Idee.
Hier
im Abendland sind zu Beginn der Neuzeit die großen mathematischen
Durchbrüche erfolgt, die das technische Zeitalter begründet
haben.
Gleichzeitig haben wir mit unserer Technik alle anderen Kulturen dieser
Erde
verseucht. Hier in Europa müssen neue Ideen entwickelt werden, wie
die
weltweite Krise überwunden werden kann. Wir müssen aufhören,
politische
Sonntagsreden zu halten, und mit dem Denken beginnen. Diese Einsicht ist
der
erste Schritt in die richtige Richtung. Ich will jedoch noch einmal ganz
kurz auf den Contergan-Fall zurückkommen. 10.000 Menschen sind verkrüppelt
und betrogen worden, und die beiden Ehrenbürger von Düsseldorf,
Dr. Dr. hc.
Konrad Henkel und der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel haben
sich mit
Ehren überhäufen lassen und Golf gepielt. In NRW wurde ein korrupter
Strafverteidiger kurzerhand zum Justizminister gemacht, damit der
Strafprozeß verschleppt werden konnte und am Ende der Staat die
Zeche
zahlte. Mit Wissen darum muß auch über die Rolle von Willy
Brandt diskutiert
werden. Er, der zweimal die Wahl verloren und öffentlich verkündigt
hatte,
nie wieder anzutreten, wurde durch Drahtzieherei zum Außenminister
gemacht.
So konnte er sich profilieren und doch noch Bundeskanzler werden. Denn
damit
die Legislative eingreift und der Staat zum Zahlmeister für die Industrie
wurde, brauchten Walter Scheel und die Drahtzieher im Hintergrund den
Bundeskanzler. Willy Brandt ist vielleicht nicht aktiv an der Vertuschung
des Contergan-Falls beteiligt gewesen, aber er hat mit Sicherheit gewußt,
was da in Düsseldorf für eine dreckige Brühe gekocht worden
ist. Nach der
Erfüllung seines Zwecks ist er ja auch sehr schnell ausgetauscht
worden. Wer
noch immer an das ordnungsgemäßige Funktionieren der deutschen
Politik
glaubt, soll sich einmal mit der Rolle der FDP auseinandersetzen: In der
Öffentlichkeit hielt man die FDP für eine wankelmütige
Umfall-Partei, in
Wirklichkeit hatte jeder Koalitionswechsel einen korrupten Hintermann,
den
Henkel-Mann Walter Scheel.
Hans-Joachim Ehlers: Ja, ich finde, nachdem jetzt durch Ihr Buch, die
wirklichen Hintergründe der Vertuschung, nämlich ein Justizskandal,
aufgedeckt wurden, müßte eigentlich erneut Anklage erhoben
werden.
Dr. Peter Plichta: Also für die Grünenthal ist die Sache natürlich
verjährt.
Da aber feststeht, daß der Henkel-Konzern von Anfang an zusammen
mit den
Spitzen der Landesregierung Nordrhein-Westfalen in den Prozeß eingegriffen
hat, ist der ganze Prozeß Betrug. Und Prozeßbetrug kann eben
nicht
verjähren.
Hans-Joachim Ehlers: Stichwort Prozeßbetrug, ja, das ist das schlimmste,
was
es gibt.
Dr. Peter Plichta: Das heißt, man muß im Prinzip die Bundesanwaltschaft
benachrichtigen und sagen: in Düsseldorf ist ein Rattennest, entweder
wir
lassen das, dann machen wir Deutschland zu, dann können wir alle
nach
Südamerika auswandern oder aber es wird in irgendeiner Weise von
einer
anderen Staatsanwaltschaft, von mir aus der Bundesanwaltschaft, dafür
gesorgt, daß die Vorwürfe, die hier jetzt öffentlich vorliegen,
untersucht
werden. Das darf die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft auf gar keinen
Fall
selbst bearbeiten.
Hans-Joachim Ehlers: Ist klar.
Dr. Peter Plichta: Wenn wir ein Rechtsstaat sind, muß der Fall,
weil es
Prozeßbetrug war, wieder aufgerollt werden, und diesmal müssen
diejenigen,
die diesen Prozeßbetrug aktiv betrieben haben, vor Gericht gestellt
werden.
Und das ist der Henkel-Konzern und so gesehen wartet man in Düsseldorf
natürlich darauf, daß der alte Schurke das Zeitliche segnet.
Dann wären sie
den, der alles verbrochen hat, los.
Hans-Joachim Ehlers: Ja, gut, aber das klingt dann so nach Befehlsgewalt.
Da
waren aber noch genügend Lakeien dabei, die aktiv mitgearbeitet haben,
und
die dann auch noch leben.
Im Stich gelassene Opfer
Dr. Peter Plichta: Richtig. Aber mir fällt noch etwas ein, das wichtig
ist.
Ich habe ja, wie Sie gelesen haben, einen Film über den Contergan-Fall
gesehen und in dem Zusammenhang das Leben eines Menschen, eines
Contergan-Opfers, das völlig ohne Arme und Beine lebt und nur am
Unterleib
so eine Art Schwimmflosse besitzt und oben praktisch nur einen Finger.
Dieser junge Mann, dessen Schicksal der Film weitgehend erzählt,
studierte
Jura in Köln. Der hat so haarsträubende Dinge erzählt,
daß ich mich mit ihm
in Verbindung gesetzt habe, ich wollte es einfach mal sehen, wie man unter
solchen Bedingungen Jura studiert. Er kroch halt auf so einer kleinen
Karre
mit Rädern und mit der Schwimmflosse bewegte er sich. Weil er wegen
seiner
Behinderung zuviele Semester benötigte, wollten sie ihn auch noch
exmatrikulieren. Ich nahm zu dieser Zeit ja noch wie jeder andere in der
Bevölkerung an, daß die Contergan-Opfer irgendwie mit dem vielen
Geld, den
250 Millionen, entschädigt worden waren. Und da ist dann in mir der
Zorn,
der wirkliche Zorn ausgebrochen, als ich erfuhr, was die wirklich bekommen
haben. Es gab keine klare Regelungen, sondern die Geschädigten sind
in einem
ungeheuren Maße, das weiß die Bevölkerung nicht, gegeneinander
aufgehetzt
worden. Da gab es verschiedene Organisationen und alle wollten an das
Geld
ran, so daß das ganze Geld durch Prozessieren rauf und runter durch
die
Instanzen, verloren ging. Die Opfer haben nicht einmal einen Pfennig
Entschädigung bekommen. Das einzige, was sie bekommen haben, waren
850 DM,
das war alles.
Hans-Joachim Ehlers: Einmalig oder wie?
Dr. Peter Plichta: Nein, im Monat, also für den, der den Höchstschaden
hat.
Also dieser junge Mann, der da so schlimm geschädigt ist, bekommt
850 DM,
seine Wohnung wird vom Sozialamt bezahlt, und dann kriegt er noch
Sozialhilfe. Er könnte ohne finanzielle Sorgen leben, wenn das viele
Geld so
verteilt worden wäre, daß es bei denen, die das Leid erlitten,
auch
angekommen wäre. So war es aber nicht. Man wollte die Verwirrung
und den
Streit bis ins allerletzte haben, damit über das eigentliche, den
Zynismus,
den Chemie-Skandal mit anschliessendem Justiz-Skandal nicht wieder geredet
wurde.
Hans-Joachim Ehlers: Diese schlimme Rechnung scheint auch fast aufgegangen
zu sein. Ich danke Ihnen Herr Dr. Plichta, auch im Namen unserer Leserinnen
und Leser für Ihren Mut und aufrechten Gang und hoffe mit Ihnen,
daß auch in
Düsseldorf letztlich noch Gerechtigkeit einzieht.
Warum der Fall Contergan auch heute noch so aktuell ist
Er liegt mehr als 40 Jahre zurück, der größte, bisher
bekannte
Pharma-Skandal.
Und doch ist er so aktuell wie nie zuvor. Durch die Bücher Dr. Peter
Plichtas, der darin u.a. Blicke hinter die Kulissen der Chemie-Giganten
vermittelt, wird die ganze Skrupellosigkeit klar, mit der in der Chemie-
und
Pharma-Industrie zu Werke gegangen wird.
Da werden chemische Substanzen zusammengemixt, die aus Gründen der
Sparsamkeit nur halb kontrolliert auf den Markt geworfen werden. Da werden
Menschenversuche an Hunderttausenden gemacht, ohne daß die gutgläubigen
Opfer davon etwas ahnen, denn ihnen hat man via Werbung und Propaganda
großkotzig hervorragende Wirkung versprochen und die absolute Harmlosigkeit
des Medikaments versichert, »wissenschaftlich anerkannt« versteht
sich.
Und wenn sich dann herausstellt, daß nicht nur alles gelogen war,
sondern
daß die chemische Substanz, die in irgend einem Labor entwickelt
wurde,
tödliche und verkrüppelnde Wirkung hat, dann versucht man zuerst,
die
Kritiker mundtod zu machen und dann mit Hilfe der Politik und der Justiz
sich aus der Verantwortung zu stehlen. Die Entschädigung der Opfer
überläßt
man weitgehend dem Staat.
Die Aktualität: Mit der gleichen eiskalten Profitgier, mit der man
Contergan
auf den Markt warf, ohne es ausreichend auf schädigende Wirkungen
zu prüfen,
wird heute die Gentechnik bei Menschen, Tieren und Pflanzen durchgesetzt.
Dabei hat man nicht die geringste Ahnung von den möglicherweise verheerenden
Folgen der Eingriffe, die man ebenso skrupel- wie bedenkenlos in höchst
komplexen, natürlichen Systemen vornimmt. Eingriffe und Techniken,
die so
überflüssig sind wie ein Kropf. Und wieder steht ein Heer höchst
verantwortungsloser sogenannter Wissenschaftler bereit, auf vage Vermutungen
hin Experimente zu machen, die nur einen Zweck haben, die Milliarden-Gewinne
der Chemischen Industrie weiter zu erhöhen. Denn es geht den Chemie-Multis
nicht um Gesundheit, bessere Ernährung usw., sondern darum, mit dem
Einsatz
verkrüppelter Gene ganze Branchen und vor allem die Nahrungskette
via Patent
in den Griff zu bekommen. Und wenn es unabhängige Journalisten wagen,
zum
Beispiel Zweifel am dem rBST-Rinderhormon des Chemie-Giganten Monsanto
zu
äußern, dann werden die TVSender, die solche Journalisten beschäftigen,
solange massivst bedroht, bis sie die Journalisten feuern.
Die Contergan-Story
Oder die Skrupel der Pharma-Industrie
Am 1. Oktober 1957 kam Thalidomid unter der Handelsbezeichnung Contergan
auf
den Markt, nach Zulassung durch das damalige Bundesgesundheitsamt. Mit
massiver Werbung, vor allem bei den damals 50 000 zugelassenen Ärzten,
wurde
der Absatz von Contergan angekurbelt. Schon wenige Monate später
wurde
Contergan in 60 Regionen der Welt vertrieben.
Der Text einer Anzeige für »Contergan forte«:
»Ein Augenblick voll natürlicher Harmonie läßt
uns wünschen, daß die Sekunde
sich dehne. Doch zumeist bleibt es Augenblick und flüchtiger Wunsch,
denn
die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns und treibt uns
umher.
Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. Dieses gefahrlose Medikament
belastet den Leber-Stoffwechsel nicht, beeinflußt weder den Blutdruck
noch
den Kreislauf und wird auch von empfindlichen Patienten gut vertragen.
Schlaf und Ruhe: Contergan, Contergan forte.«
Das Medikament, das da so lyrisch beschrieben und als »gefahrlos«
bezeichnet
wird, nehmen daraufhin Millionen gutgläubiger Erwachsener und Kinder
bei
Schlafstörungen, Husten, Migräne, Nervosität, Neurosen,
psychischen
Traumata, Angstzuständen usw.
Die Nebenwirkungen waren fürchterlich: Schwere Nervenschädigungen,
Totgeburten, embryonale Fehlbildungen an Extremitäten, Sinnesorganen
und
inneren Organen.
Schon kurz nach der Einführung von Contergan gab es erste Berichte
über
schlimme Nebenwirkungen. Sie wurden sowohl von der Konzernleitung als
auch
vom BGA ignoriert.
Wieviel Leid hätte vermieden werden können, hätte man
bei Grünenthal
verantwortlich auf die Berichte der furchtbaren Nebenwirkungen sofort
reagiert. Aber damals wie heute überlagert eine außer Kontrolle
geratene
Profitgier der Chemischen Industrie auch die letzte Spur von Menschlichkeit.
Das einzige, was man tat, man änderte den Beipackzettel, auf dem
man jetzt
unter Nebenwirkungen Nervenschädigungen aufführte. Eine Warnung
an
schwangere Frauen, die im Vertrauen auf die in der Werbung versicherte
Harmlosigkeit Contergan besonders bevorzugten, unterblieb.
1961 wurde Thalidomid rezeptpflichtig.
Im gleichen Jahr wandte sich der Arzt Dr. Lenz aus Hamburg mit seinen
Beobachtungen über die verheerenden Nebenwirkungen von Contergan
an die
Öffentlichkeit. Kurze Zeit später wurde er von leitenden Herren
der Firma
Grünenthal mit Schadenersatzforderungen bedroht, er betreibe »Rufmord«
an
einem Medikament. Doch Dr. Lenz hatte den Bann gebrochen.
Nachdem sich die Meldungen über Contergan-Schäden häuften,
erwog das
NRW-Innenministerium den Verkauf von Contergan zu verbieten. Grünenthal
drohte für diesen Fall mit Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe.
Erst
am 27.11.1961 wurde der Vertrieb von Contergan in der damaligen BRD
eingestellt.
Ende Dezember 1961 wurde unter dem Aktenzeichen Js 987/61 bei der
Staatsanwaltschaft eine Ermittlungsakte angelegt.
Erst sechs Jahre später, am 18. Januar 1968, begann vor der Großen
Strafkammer des Landgerichts Aachen der Prozeß, der bis zum 18.
Dezember
1970, ein Jahr vor der Verjährung, verschleppt wurde.
Der Prozeß wurde »wegen Geringfügigkeit« eingestellt.
Mit der drohenden Verjährung wurden die Anspruchsberechtigten zum
Vergleich
genötigt.
Es gab kein Urteil und somit keine Rechtssicherheit.
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