Die Auswirkungen elektromagnetischer Felder von Mobilfunksendeanlagen
auf Leistung, Gesundheit und Verhalten landwirtschaftlicher Nutztiere
Eine Bestandsaufnahme
(Quelle: Nachricht von Reinhard Rückemann (Auszug)
08.11.2003)
Mobilfunk-Newsletter der Bürgerwelle e.V.
Dachverband der Bürger und Initiativen zum Schutz vor Elektrosmog
Herausgeber und für den Inhalt verantwortlich: BI Omega, Mitglied im
Dachverband
Prof. Löscher zur Rinderstudie
DER PRAKTISCHE TIERARZT 84, Heft 11, 850-863 [2003]
Aus dem Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie der
Tierärztlichen Hochschule Hannover (Direktor Prof. Dr. W. Löscher)
Die Auswirkungen elektromagnetischer Felder von Mobilfunksendeanlagen
auf Leistung, Gesundheit und Verhalten landwirtschaftlicher Nutztiere:
Eine Bestandsaufnahme
W. LÖSCHER
Praktischer Tierarzt 84 (11), S. 850-863 (2003), Schlütersche
Verlagsgesellschaft mbH & Co KG, ISSN 0032-681 X
[...]
Erste Feldstudie zur Untersuchung der Auswirkung elektromagnetischer
Felder von Mobilfunksendeanlagen auf Leistung, Gesundheit und Verhalten
von Rindern.
[...]
"Nach Abschluss der Untersuchungen wurde vom BStMLU in München am 29.
November 2000 ein Abschlusskolloquium mit einem Expertengremium aus den
Untersuchern, Vertretern der Mobilfunkunternehmen und des Ministeriums
sowie einigen eingeladenen Wissenschaftlern durchgeführt, an dem auch
W. Löscher teilnahm.
Auf diesem Abschlusskolloquium wurden von den beteiligten Gruppen
Untersuchungsergebnisse gezeigt und diskutiert, die nur zum Teil Eingang
in den vom BStMLU publizierten Abschlussbericht fanden (BStMLU 2001).
Die im Folgenden zusammengefassten Untersuchungsergebnisse und ihre
Bewertung beruhen deshalb auf den Informationen des Abschlussberichtes
und des Abschlusskolloquiums sowie der persönlichen Einschätzung der
Ergebnisse durch W Löscher, die zum Teil erheblich von der
Einschätzung des BStMLU abweichen, aber auf den gleichen Ergebnissen
basieren.
Leider wurden bei der Planung der Untersuchung einige gravierende Fehler
gemacht (s. u.), sodass die Untersuchung nur sehr begrenzte Aussagen
erlaubt."
[...]
"Trotz dieser aufgrund von Planungsfehlern entstandenen
Einschränkungen in der Aussagefähigkeit der Untersuchung ergaben
sich einige besorgniserregende Unterschiede zwischen exponierten
Betrieben und Kontrollbetrieben, die nicht durch geographische Faktoren
oder BVD zu erklären waren.
(1) Der m. E. besorgniserregendste Befund der Studie ist eine dramatisch
erhöhte Zahl von missgebildeten Kälbern (Missgeburten mit z. B.
Gliedmaßenanomalien) in den exponierten Beständen (38 missgebildete
Kälber in den exponierten versus 11 in den Kontrollbeständen) im
Untersuchungszeitraum.
Da eine BVD-Infektion Missgeburten fördern kann, wurde dieser Befund
auf die erhöhte Inzidenz von BVD in den exponierten Beständen
zurückgeführt. Allerdings traten auch in nicht-BVD-infizierten
Beständen mit Mobilfunk-Exposition mehr als doppelt soviel
Missgeburten auf (12) wie bei nicht-BVD-infizierten Kontrollbeständen
(5).
(2) In den exponierten Betrieben traten vermehrt Erkrankungen (z.B.
Augenentzündungen) auf, die auch schon in dem von Löscher und Käs
(1998) anekdotisch berichteten Fall in Schnaitsee beobachtet worden
waren.
(3) Aufgrund der Publikation zu Mikrokernen in Erythrozyten von Rindern
in der Nähe einer Radaranlage (Baiode 1996) wurde auch das Vorkommen
von Mikrokernen in der bayerischen Rinderstudie untersucht. Mikrokerne,
die normalerweise nur sehr selten in Erythrozyten auftreten, sind ein
Hinweis auf eine erbgutschädigende Wirkung und werden z. B. durch
ionisierende Strahlen oder krebserzeugende Chemikalien hervorgerufen.
In der bayerischen Untersuchung an Milchkühen wurde keine Zunahme von
Erythrozyten mit Mikrokernen bei mobilfunk-exponierten Kühen
festgestellt, allerdings hatten mobilfunk-exponierte Rinder signifikant
häufiger als Kontrollrinder zwei Mikrokerne pro Erythrozyt, ein
unerwarteter und besorgniserregender Befund.
Weitere Hinweise auf genotoxische Wirkungen (z. B.
Schwesterchromatidaustausche) gab es jedoch nicht.
(4) Schließlich ergaben sich eindeutige Verhaltensänderungen bei
Mobilfunk-exponierten Kühen. So zeigten exponierte Tiere kürzere
Liegezeiten und eine erniedrigte Wiederkaudauer und -frequenz (Wenzel et
al. 2002), was in der Konsequenz zu einer schlechteren
Nahrungsverwertung führt und den von Löscher und Käs (1998)
berichteten Rückgang der Milchleistung bei exponierten Kühen
erklären könnte.
In der bayerischen Studie wurde der Einfluss einer Mobilfunk-Exposition
auf die Milchleistung leider nicht eingehend untersucht."
[...]
"Zusammenfassend zeigt die bayerische Untersuchung an
Mobilfunk-exponierten Milchkuhbeständen also eine Reihe von Tendenzen,
die besorgniserregend sind und dringend der weiteren Abklärung
bedürfen. Die bisher vorliegenden Beobachtungen könnten dadurch
erklärt werden, dass elektromagnetische Felder im Sinne eines
chronischen Stressors wirken, der zu Leistungs- und gesundheitlichen
Veränderungen führt.
Diese Annahme wird durch zahlreiche experimentelle Befunde unterstützt
(zur Übersicht s. Smith 1996)."
[...]
"Zur weiteren Abklärung der Auswirkung von Mobilfunksendeanlagen auf
Leistung und Gesundheit von Kühen plant eine Reihe von Arbeitsgruppen
der Tierärztlichen Hochschule Hannover eine umfangreiche, prospektive
Untersuchung bei Mobilfunk-exponierten Milchviehbeständen und
Kontrollbeständen in Niedersachsen."
[...]
"Falls die bisher berichteten Beobachtungen wissenschaftlich bestätigt
werden können, hätte dies erhebliche Konsequenzen für die
Beurteilung der gesundheitlichen Risiken durch hochfrequente
elektromagnetische Felder von Mobilfunkanlagen für Tier und Mensch.
Leider ist die Finanzierung der geplanten Untersuchung in Niedersachsen
vor allem aufgrund von Bedenken des Bundesamtes für Strahlenschutz
bisher nicht gesichert, obwohl zunächst vom Bundesumweltministerium
eine Finanzierung in Aussicht gestellt worden war."
[...]
Schlussfolgerungen
"Abschließend kann die Frage, ob hochfrequente elektromagnetische
Felder von Mobilfunksendeanlagen negative Auswirkungen auf Leistung,
Gesundheit und Verhalten von landwirtschaftlichen Nutztieren haben,
wissenschaftlich zur Zeit nicht eindeutig beantwortet werden.
Anekdotische Fallbeschreibungen erlauben keinen sicheren Rückschluss
auf einen Kausalzusammenhang zwischen Exposition und den dokumentierten
Veränderungen, und die bisher einzige vorliegende großangelegte
Untersuchung, die bayerische Rinderstudie, weist erhebliche
Planungsmängel auf, die ihre Aussagekraft stark einschränken.
Andererseits fallen die Analogien bei den beobachteten Veränderungen
bei nieder- und hochfrequenten Feldern sowie bei verschiedenen Tierarten
auf. Immer wieder werden Fertilitätsstörungen, Fehl- oder
Missgeburten und Verhaltensanomalien beobachtet. Zudem scheinen v. a.
Tiere in besonderer Leistungssituation, also trächtige oder zu
besonderer Hochleistung gezüchtete Tiere betroffen zu sein.
Tiere in besonderer Leistungssituation sind auch besonders empfindlich
auf alle Veränderungen in ihrer Umgebung, die mit Stress verbunden
sind, so dass die durch Verhaltensbeobachtungen gestützte Vermutung,
dass elektromagnetische Felder in Form eines Stressors auf den
Organismus einwirken, plausibel erscheinen (Löscher u. Käs 1998,
Wenzel et al. 2002)."
[...]
"Unklar ist bisher, warum es in einigen Tierbeständen in der Nähe
von Mobilfunksendeanlagen zu Veränderungen bei exponierten Tieren
kommt, in anderen Beständen bei ähnlicher Exposition aber nicht. Die
ab und zu in diesem Zusammenhang diskutierten niederfrequenten
Kriechströme scheiden nach Ansicht von Experten aus (BStMLU 2001).
Dagegen kann die Interaktion zwischen verschiedenen Mobilfunksendern
oder zwischen Mobilfunksender(n) und TV- oder Radiosendern eine
entscheidende Rolle spielen, die der weiteren Untersuchung bedarf
(Löscher u. Käs 1998).
Neben expositions-assoziierten Faktoren können auch genetische
Faktoren der exponierten Tiere für Unterschiede zwischen
Tierbeständen eine entscheidende Bedeutung haben (s. o.). Eine
wichtige bestandsspezifische Bedeutung hat möglicherweise auch der
experimentell belegte Synergismus zwischen elektromagnetischen Feldern
und verschiedenen anderen Stressoren, z. B. Hitze (Gutzeit 2001).
Eine offene Frage ist auch, warum die Exposition in viel stärkeren
hochfrequenten Feldern von Radio und TV i. G. zu Mobilfunk anscheinend
keine Veränderungen bei landwirtschaftlichen Nutztieren hervorruft (s.
Beispiel Altenweger). Hier könnte wie wiederholt vermutet der Typ der
Modulation, also die niederfrequente Pulsung der hochfrequenten
Mobilfunkfelder, eine entscheidende Rolle spielen (Tenforde 1997).
Zusammenfassend bedarf die Frage, ob und unter welchen Umständen die
erhöhte Exposition von landwirtschaftlichen Nutztieren in
hochfrequenten elektromagnetischen Feldern von Mobilfunksendeanlagen
negative Auswirkungen auf Gesundheit, Leistung oder Verhalten ausübt,
der weiteren wissenschaftlichen Untersuchung.
Nach Einschätzung des Autors lassen die bisher vorliegenden
Fallberichte und Untersuchungen den Schluss zu, dass derartige
Auswirkungen wahrscheinlich sind, die expositions- und
bestandsspezifischen Faktoren, die derartige Auswirkungen begünstigen,
aber bisher weitestgehend unbekannt sind.
Die Aufklärung dieser Faktoren könnte dazu beitragen, die
möglichen Risiken elektromagnetischer Feldexposition zu minimieren und
sollte deshalb sowohl im Interesse der Politik, der
Gesundheitsbehörden als auch der Mobilfunkindustrie liegen."
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