Versicherer fürchten die Mobilfunk-Risisiken
Viele Konzerne verweigern Handy-Herstellern und Netzbetreibern Deckung für eventuelle spätere Gesundheitsschäden.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung 28.01.2004)
Versicherer fürchten die Mobilfunk-Risiken
Viele Konzerne verweigern Handy-Herstellern und Netzbetreibern
Deckung für eventuelle spätere Gesundheitsschäden.
Von Martin Reim
Von Handys und Mobilfunk-Sendemasten geht elektromagnetische
Strahlung aus. Bis heute wird von vielen befürchtet, dass diese
Strahlen Menschen krank machen könnten. Einen wissenschaftlichen Beleg
für diese These gibt es allerdings nicht.
Falls eine Gesundheitsgefährdung nachgewiesen werden sollte,
könnte es zu Schadensersatz-Forderungen gegen Unternehmen kommen, die
mit der Verbreitung solcher Strahlenfelder zu tun haben. Prinzipiell
können Konzerne solche Risiken durch ihre Betriebshaftpflicht-Police
abdecken.
Die Versicherung müsste dann eventuelle Zahlungen an Opfer oder
deren Angehörige übernehmen. Allerdings schließen immer mehr
Versicherungen derartige Risiken aus ihren Policen aus. Das berichteten
auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung übereinstimmend Vertreter der
beiden größten Versicherungsmakler der Welt, Marsh und Aon.
Asbest als Warnung
Diese Firmen kennen den Markt besonders gut, weil sie Verträge
zwischen Versicherungen und der Industrie vermitteln. Georg Bräuchle,
Geschäftsführer bei Marsh Deutschland, teilte mit, in den bereits
beendeten Vertragsverhandlungen für das laufende Jahr seien diese
Risiken "erstmals auf breiter Front" ausgeschlossen worden.
Insbesondere hätten Firmen, die sich mit Mobilfunk
beschäftigen, keine Deckung mehr erhalten.Ein Sprecher von Aon
Jauch & Hübener, der Deutschland-Repräsentanz von Aon, bestätigt
dies. Das Bestreben, die Risiken elektromagnetischer Strahlung
auszuschließen, gebe es schon seit längerem. Jetzt hätten sich
"viele Versicherer erstmals durchgesetzt".
Welche Mobilfunk-Firmen hiervon betroffen sind, war am Dienstag
nicht zu erfahren. Die Handy-Hersteller Siemens, Nokia und Motorola
teilten mit, sie gäben zu Versicherungsfragen generell keine Auskunft.
Gleichlautend äußerten sich die Mobilfunkbetreiber T-Mobile
und O2. Eine Sprecherin der Mobilfunk-Gesellschaft Vodafone Deutschland
betonte allerdings, die Betriebshaftpflicht-Police ihres Hauses gelte
auch für elektromagnetische Strahlung.
Ein Sprecher des deutschen Marktführers Allianz sagte, sein Haus
versichere schon länger keinen Handy-Hersteller mehr gegen die
Elektrosmog-Risiken. Bei Mobilfunk-Betreibern gebe es eine
"Fall-zu-Fall-Betrachtung".
Der Allianz-Sprecher begründete die Skepsis damit, dass die
gesunheitlichen Konsequenzen der elektromagnetischen Strahlung "nicht
abschätzbar" seien. "Wenn sich irgendwann eine Gefährlichkeit
nachweisen ließe, hätte das verheerende Wirkungen für die gesamte
Versicherungsbranche."
Die Allianz besitze keine eindeutigen oder exklusiven Studien
über eine Gesundheitsgefährdung durch die Strahlen. Man gehe
lediglich nach dem branchenweit anerkannten Prinzip vor, dass
unkalkulierbare Risikennicht versicherbar seien.
Grund für die restriktive Haltung der Allianz beim Problem der
elektromagnetischen Strahlung seien die Erfahrungen mit Asbest. Das
Mineral, das jahrzehntelang am Bau zum Schutz vor Feuer eingesetzt
wurde, galt lange als ungefährlich.
Dann wurde bewiesen, dass die Fasern Krebs erzeugen können.
Seitdem müssen Versicherungen insbesondere in den USA Milliardensummen
aufwenden, weil Produzenten und Verarbeiter von Asbest bei ihnen
versichert waren.
Ein Branchenkenner erklärte, die harte Haltung der Allianz habe
jetzt viele kleinere Versicherer zum gleichen Vorgehen ermutigt.
Hintergrund des Schwenks sei, dass die Industrieversicherungen jahrelang
Verlust gemacht hätten und nun mehr auf Profit achteten.
So schließe auch der HDI, der zu den größten
Branchenvertretern gehört, mittlerweile bei Mobilfunk-Firmen die
Elektrosmog-Risiken aus. Vom HDI gab es dazu keine Stellungnahme.
(SZ vom 28.01.2004)
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